Vier afghanische Freunde

Claudia Wielander, Vorarlberg

Fotos: Claudia Wielander

Es ist Ende Juni 2021 und ich habe seit Herbst 2016 vier afghanische Freunde gewonnen. Die  Burschen, die inzwischen Männer sind, sind heute zw. 24 und 32 Jahre alt.
Sie stammen aus verschiedenen Regionen und gehören unterschiedlicher Ethnien an. Sie sind  Tadschiken, Hazara und Usbeken, sind Sunniten oder Schiiten, manche sind hier konvertiert, andere  nicht. Und: Sie sind beste Freunde geworden!
Alle kommen aus demselben Land und haben ähnliche Fluchtgeschichten. Sie haben sich in  Flüchtlingsunterkünften in Österreich kennengelernt; zuletzt waren sie in einem gemeinsamen 6er Zimmer mit 2 weiteren Afghanen – sehr einfach, auf engem Raum und ohne Privatsphäre – einquartiert.
Sie haben unterschiedlich lange auf ihre Anerkennung als Flüchtlinge in Ö. gewartet und nun nach 5  Jahren kann nun auch der Letzte hierbleiben und nicht mehr abgeschoben werden!  Alle dieser Vier haben Kontakte zu anderen Österreichern, die sie in unterschiedlichster Weise  unterstützten. Somit sprechen sie ausgezeichnetes Deutsch (B2-Niveau), teils noch etwas Englisch  und Französisch.
Zudem kenne ich noch weitere Afghanen, mit denen sie in Kontakt stehen. 2019 habe ich auch noch  eine paschtunische Großfamilie in Wien von meiner Mutter „geerbt“, die sie im Alter von 80 Jahren  in Deutsch zu unterrichten begann.

Alle der 4 Männer haben inzwischen einen Pflichtschulabschuss gemacht und arbeiten!  Mohammad ist Jugendbetreuer und arbeitet derzeit in einem Kindergarten. Im September beginnt er  mit einer Werkzeugschlosser–Lehre.
Ali wurde hier alphabetisiert und hat soeben als Hilfsarbeiter zu arbeiten begonnen. Er ist mächtig  stolz darauf und freut sich, wenn er in nä. Jahr eine Lehre beginnen kann.
Der Dritte und Jüngste war immer der Schnellste und beendet bald seine Lehre als  Veranstaltungstechniker, sowie er bereits junger Vater eines einjährigen Buben geworden ist!

Said, 25 J., wird im 2. Lehrjahr als Elektrotechniker ausgebildet und möchte Informatiker werden. Ich  hatte ihn 2017, bei mir in eine kleine Wohnung aufgenommen – es sind 2 Jahre daraus geworden.  Wir haben wie in einer WG gelebt, zusammen gelernt, gekocht, geredet, gelacht, geweint, Konflikte  gelöst, uns kennengelernt und am Ende gab es einen Schulabschluss, eine Lehrstelle, sowie eine gute  eigenständige Wohnmöglichkeit für ihn. Heute lebt er bereits seit 2 Jahren dort.  Wir treffen uns regelmäßig! Said ist in meiner Familie – ich habe 2 erwachsene Kinder und  Enkelkinder – selbstverständlich aufgenommen worden und gehört einfach dazu. Wir haben schon  kurze Urlaube zusammen gemacht und ja, was man halt so mit Freunden tut!

Im Nachhinein gesehen würde ich wieder so handeln. Der Schlüssel ist immer das  Vorschussvertrauen, dass es schon gut werden wird. Und es ging gut. Sehr gut sogar!  Diese Erfahrung hat mein Leben nicht nur bereichert, sondern ich habe damit viel Einblick in das Land  Afghanistan erhalten, in die Nöte und Erlebnisse der Geflüchteten, in ihre Kultur und in unser sehr  mühsames und nicht immer gerechtes Asylsystem. Nächtelang habe ich mich mit dem Asylrecht und  mit Bescheiden beschäftigt, den Instanzenweg kennengelernt, getröstet, motiviert, demonstriert,  uvm.

Das Wesentlichste ist aber das Wissen, dass wir alle Menschen sind, mit denselben Bedürfnissen, mit  ähnlichen Gedanken und Gefühlen, dass wir uns viel weniger unterscheiden als man es oft meint.

Ich bin froh, dass heute alle Verfahren abgeschlossen sind und wir ohne Ängste nach vorne schauen  können! Endlich!

Demnächst planen wir ein kleines afghanisches Fest – zu feiern haben wir jeden Grund!

1 Kommentar
  1. eva Novotny
    eva Novotny sagte:

    …das Wesentliche ist, dass wir uns oft viel weniger unterscheiden als man meint…da stimme ich zu. Ich beglückwünsche Sie, dass sie alle ihre Schützlinge gut versorgt haben. Es ist doch so, wenn man sich um die Leute kümmert, sie annimmt, versteht, dann funktioniert auch eine positive Integration! Alle tun mir Leid, die Niemanden haben, der sich um sie kümmert.

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