Zeitzeugin 2015-16-17

Susanne Faber, Pillichsdorf, Niederösterreich

Das Jahr 2015, in dem laut Statistiken 1,4 Millionen Menschen auf der Flucht nach Europa waren, zählt zu einem der erfahrungsreichsten und intensivsten   in meinem Leben.

Mit einzelnen Flüchtlingen und Flüchtlingsfamilien hatte meine Familie bei jeder „Krise“ Kontakt und bis heute haben wir Freunde aus Vietnam, Bosnien, Polen und dem Kosovo. Doch 2015 war es anders.

Durch die neuen Medien wusste man früher und schneller, wo sich geflüchtete Menschen aufhielten, wie viele es waren, welche Routen sie nahmen und wie die entsprechenden Länder reagierten. Zum Beispiel verweigerte Ungarn die Weiterreise nach Österreich und stellte die Züge ein. Angela Merkel, damals deutsche Kanzlerin, setzte ein positives Zeichen mit der Aussage „Wir schaffen das“. Auf Facebook gab es aktuelle Listen was wo gebraucht wurde und wie viele Menschen zum Beispiel gerade am Hauptbahnhof in Wien ankamen.

Eine einschneidende Information war die Auffindung eines LKW´s im Burgenland mit 71 Toten. Ich erlebte viele Österreicher und Österreicherinnen, die betroffen reagierten, die sich ins Auto setzten, an die Grenze Nickelsdorf und nach Traiskirchen in das Erstaufnahmezentrum fuhren, um zu helfen. Das Klima war geprägt von Hilfsbereitschaft, Betroffenheit und Engagement. Meine Tochter fuhr auf den Wiener Hauptbahnhof und unterstützte die Freiwilligen dort.

Für mich ist bis heute nicht durchschaubar wie sich diese positive Dynamik wendete und eine Stimmungsänderung immer mehr durchsickerte. Die österreichische Regierung wurde zur Vorreiterin in Europa bei dem Thema  Schließung der Balkanroute und Bauen von Zäunen. Sie begann damit Menschen zu verunsichern und eigenartige Darstellungen der Kriminalstatistik zu veröffentlichen um Obergrenzen festzulegen. In dieser Zeit fand auch eine Bundespräsidentenwahl (zwei Wahlgänge) statt, wo sich die rechten Parteien die Flüchtlingsfrage zu Nutze machten.

Konkrete Informationsveranstaltungen zum Thema Aufnahme von Flüchtlingen in Gemeinden, erlebte ich in meinem Schulort Wolkersdorf, wo dank der Frau Bürgermeisterin und engagierten Menschen, eine sachliche Information stattfand und in meinem Wohnort Pillichsdorf, wo es eskalierte und in Beschimpfungen – auch ich bekam Einiges ab – endete.

So begann mein konkretes Engagement in Wolkersdorf, wo die Diakonie eine Halle für 50 Männer adaptierte. Im Vorfeld gab es schon Gerüchte über Diebstähle und Vergewaltigungen. Das war ein Hauptgrund für mich bei dieser Sache dabei zu sein. Und ich bekam, vielleicht auch „Dank“ meines Alters den Mut, diese Gerüchte anzusprechen und zu recherchieren. So stellte sich die Vergewaltigung im Park als unrichtig heraus.

Parallel zu diesen Geschehnissen begann ich die Ausbildung „Migration und Asyl“ der Pädagogischen Hochschule Niederösterreichs. So lernte ich auch die mit dem Thema Flüchtlinge befassten Institutionen und Einrichtungen kennen. Es ist mir in diesem Jahr immer mehr bewusst geworden, dass man Missstände, Ungerechtigkeiten, Hetze gegen bestimmte Gruppen,…im Vorfeld ansprechen und aufklären muss und nicht hinnehmen darf. Ebenso war es mir ein Anliegen, dass Erwachsene in ihrer ersten Zeit in Österreich zum Deutschlernen motiviert werden müssen um, was meinen Beruf betrifft, im schulischen Kontext miteinander kommunizieren zu können.

So war ich ab September 2015 offiziell Deutschlehrerin für asylwerbende Männer und Koordinatorin des Cafes Interkult in Wolkersdorf.

Mein Leben wurde dadurch um einige Erfahrungen reicher. Sich mit völlig fremden Männern aus Tatschikistan, dem Iran, dem Irak, aus Syrien, aus Armenien, aus Eritrea,… in einem Raum zu treffen und versuchen sich irgendwie zu verständigen war recht spannend.

In diesen Monaten ist mir immer wieder der Satz von Hanna Gerl Falkowits, einer Religionsphilosophin eingefallen:“ Person ist auf Person resonant „. Ein Referat, das ich vor 20 Jahren hörte und das ich immer besser verstehe. Neugierig und wertfrei Menschen gegenüber zu treten, sie in ihrer jetzigen Situation wahrzunehmen und sie zu unterstützen ohne ihnen die Verantwortung für ihr Leben abzunehmen, habe ich dann jahrelang geübt.

So wurde ich Ansprechperson für alles was die Menschen in ihrem Alltag beschäftigte. Ich fuhr mit nach Traiskirchen zu den Interviews, zu Ämtern und Behörden. Ich wurde zum Essen eingeladen, habe zu Musik aus Syrien getanzt, habe Müttern über Handys gewinkt und war bei einer Hochzeit dabei.

Im Oktober 2016 wurde das Großquartier in Wolkersdorf geschlossen. Viele der in der Zwischenzeit gut integrierten Männer suchten eine Bleibe. So nahm meine Großfamilie vier Burschen und ein Ehepaar auf.

Ich wurde immer wieder auch nach negativen Erfahrungen gefragt. Sehr belastend empfanden die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer das lange Warten auf Interviews und die Willkür bei der Ausstellung von Asylbescheiden. Was mich im Zusammenleben mit Menschen aus dem Iran und Irak stört sind eher „nebensächliche Probleme“, wie Ihr Zeitbegriff, das Nichteinhalten von Terminen, sie halten sich nicht an die Mülltrennung, gehen mit der Energie sehr großzügig um und geben viele Essensreste in den Müll.

Der Zuzug von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen wird nicht zu Ende sein. Wir werden dadurch aufgefordert unsere Lebenskultur und unsere Werte zu reflektieren. Wir werden uns wieder mit der Situation der Frauen und Mädchen, der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen und dass Religion in den Privatbereich gehört, befassen müssen.

Abschließend möchte ich euch sagen, dass mich das Engagement der Zivilbevölkerung in Österreich besonders stolz gemacht hat.

Bildinformation (Startseite): Flüchtlingsporträts auf der Mariahilfer Straße in Wien, 2015. © Bwag/Commons

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