Nachtschicht im Flüchtlingslager

Fortsetzung in Österreich

Nina Zuckerstätter, Wien

Fotos: Kardinal König Haus, Wien

Die Zeit, die ich auf Lesbos verbracht habe, und die Menschen, die ich dabei kennenlernen durfte, haben mich auch nach meiner Rückkehr nach Wien noch lang und nachhaltig geprägt. Mein Wunsch war, die Zustände, die für Flüchtlinge auf Lesbos und an der europäischen Außengrenze herrschen, zu dokumentieren und für Menschen in Europa sichtbar zu machen. Mit vielen Fotos meines Einsatzes im Gepäck konnte ich mehrere Ausstellungen in Wien organisieren. Fotos von im Schmutz versinkenden Müllbergen voll kaputter Rettungswesten und gestrandeter Schlauchboote an verlassenen Kiesstränden haben ein Aufhorchen in meinem Umfeld bewirkt. Die Flüchtlingsbewegung von 2015 war und ist keineswegs vorbei, sie findet nur an einem anderen Ort statt: zurückgedrängt an die Außengrenzen der Europäischen Union und weiterhin ungelöst. Die Menschenrechtsverletzungen häufen sich, die Zustände auf den griechischen Inseln, entlang der Balkanroute und im Mittelmeer werden immer dann, wenn man glaubt, schlimmer könne es nicht werden, noch katastrophaler. Währenddessen wird von den zuständigen Behörden bewusst weggesehen, wenn nicht Schlimmeres.

Gemeinsam mit Hadi Mohammadi hielt ich nach meiner Rückkehr Workshops in verschiedenen Wiener Schulklassen ab. Im Rahmen des Projekts „Zuflucht – von Afghanistan bis Wien“, einer Kooperation von Kardinal König Haus und mehreren Wiener Schulen, gefördert durch die Stadt Wien, habe ich von meinen Erfahrungen erzählt und von der aktuellen Lage auf der Insel berichtet. Hadi erzählte seine persönliche Fluchtgeschichte, die er in seiner frühen Jugend durchleben musste. Das Interesse der Schüler*innen an unseren Erzählungen war groß, ihre Reaktionen empathisch und bewegt. In mehreren Neuen Mittelschulen war die Geschichte von Hadi nichts Neues – viele der Schüler*innen hatten selbst Ähnliches erlebt oder ihre nahen Verwandten. In Gymnasien hingegen war Flucht häufig ein Thema, das man nur aus der Zeitung kannte, und man spürte anschließend den Wunsch mancher Jugendlicher, sich ebenfalls im Integrationsbereich zu engagieren.

Ich beende meine Erzählungen aus Lesbos mit Zitaten dieser Schüler*innen, denn sie lassen uns mit einer großen Portion Hoffnung zurück, dass im Umgang mit Geflüchteten menschenwürdige Lösungen möglich sind.

Auf die Frage, was sie aus dem Workshop mitgenommen hätten, schrieben sie:

„Dass Menschen auf der Flucht auf so vieles angewiesen sind, und dann eine kleine Hilfe viel ausrichten kann“.

„Die Geschichte war sehr traurig. Ich habe mich mitgefühlt weil ich selber erlebt habe“.

„Respektvoll gegenüber Menschen zu sein wenn ich nichts über sie weiß und sie nicht wegen ihrer Herkunft zu beurteilen“.

„Hadi seine Geschichte hat mich sehr berührt. ‚Das Leben ist das Ziel‘“.

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