Erinnerungen an unsere Flüchtlings-Nachbars-Familie

Traude Reinwein, Ziersdorf, Niederösterreich

Am Heiligen Abend 2020 klopfte es gegen 15 Uhr an unsere Haustür. Draußen standen Masar, Ali und Jehnne (unsere ehemaligen Nachbarn, geflohen aus dem Irak) – mit einem Geschenk und wünschten uns Frohe Weihnachten. Sie waren 70 km gefahren, um ihren Freundinnen und Freunden in Kiblitz ein frohes Fest zu wünschen.
Wir waren überrascht und sehr erfreut!! Alte Erinnerungen kamen auf – wie interessant, fordernd, und erfüllend die Zeit mit unserer „Flüchtlings-Nachbars-Familie“ war.

Die Kinder, damals 4 und 6 Jahr alt, waren sehr aufgeschlossen und kontaktfreudig. Es war schön, sie am Weg vor dem Haus spielen und Roller fahren zu sehen. Sie besuchten uns gerne, wenn unsere Enkelkinder da waren, welche ebenfalls von den neuen Freunden begeistert waren.

Über eine Begebenheit mit der damals 4-jährigen Jehnne lachen wir heute noch .Sie liebte unseren Kater Freddy heiß, der ab und zu in ihrem Garten herumstreunte. Er durfte bei ihrer Familie nicht ins Haus und so brachte sie uns mitunter unseren Kater zu unserer Haustür zurück. Eines Tages stand das kleine Mädchen mit dem großen Kater im Arm an unserer Tür mit den Worten: „Tlaude, deine Fleddy ist zu meine Hause gegangen“. Und welches Vergnügen hatte wiederum Jehnne, wenn sie mir arabische Wörter beibrachte. Die Liste wurde nicht länger als 7 (was an mir lag, nicht an Jehnne! ☺)

Besonders spannende Zeiten waren diejenigen, wenn für die Eltern eine Prüfung bevorstand – für den Führerschein oder eine Deutsch-Prüfung. Masar, die Mutter der Familie, holte sich dann immer einen Glücksstein von mir, den sie dann mit sich trug. Abends brachte sie ihn jedes Mal zurück um ihn beim nächsten Ereignis wieder auszuborgen.
Masar kochte leidenschaftlich gerne. Wie fein war es, wenn ich nach einem Arbeitstag erschöpft heim kam und sie mir eine Schale Suppe brachte….

Von Familie Al Ani lernten wir sehr viel. Wir bekamen kleine Einblicke ins Leben in der arabischen Welt, wenn sie von daheim erzählten. Die enge Verflochtenheit und Abhängigkeit innerhalb der Familie, und dass vom Staat Null Schutz oder Fürsorge für seine BürgerInnen zu erwarten ist. Wie sehr genießt Masar es, dass sie als Frau in Österreich einfach alleine auf die Straße gehen kann.

Es war sehr berührend und oft sehr bedrückend, wenn für die Familie Post von Behörden kam. Mit klopfendem Herzen kam Masar dann zu uns und öffnete bei uns den Brief. Wir halfen beim Entschlüsseln des Inhalts und hielten mit ihr gemeinsam unerfreuliche Nachrichten aus.

Die Offenheit von Masar und Hussein was Religionsausübung betrifft, erstaunte uns des Öfteren. Selbstverständlich feierten sie mit uns in der Kirche Erntedank, denn das war auch ihnen ein Anliegen. Auch die Krippenandacht am Heiligen Abend teilten sie mit uns. „Beten kann man in jedem Gotteshaus!“, meinten die überzeugten Muslime Masar und Hussein.

Wenn etwas an ihren Persönlichkeiten sehr markant war, dann war es der unbedingte Wille, ihr Leben zu verbessern. Das beeindruckte uns sehr. In kurzer Zeit hat Hussein es erreicht, den Führerschein zu erwerben und immer wieder fand er einen Job, auch wenn er teilweise sehr ausgenutzt wurde. Schlussendlich hat er nach vielen Zwischenstationen einen sicheren Vollzeit-Job. Seit kurzem auch Masar. Auch aus ihrer Wohnsituation machten sie immer das Beste.

Natürlich war unser Verhältnis nicht nur sonnig. Ein anderes Zeit-Management als wir es gewöhnt sind und ein anderer Umgang mit Geld brachten fallweise auch Unverständnis und Ärger, aber wo gibt es das nicht?

Die Beziehung zu Familie Al Ani hat unser Leben auf jeden Fall bereichert, wir haben viel gelernt und es ist eine schöne Freundschaft entstanden.

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