Transitquartier Graz-Webling

Elfi Ruff, Graz

An einem Nachmittag Anfang Oktober 2015 besuche ich mit einer jungen Freundin, ihrem Baby und ihrem Hund zum ersten Mal das Transitquartier Graz-Webling. Im Außenbereich werden wir von dort temporär untergebrachten Flüchtlingen (bis zu 4000 Personen pro Tag) umringt, freundlich begrüßt, dem Baby wird  zugelächelt und der kleine Hund gestreichelt. Es ist eine freundliche Atmosphäre, das Wetter ist schön, trotzdem kullern meine Tränen unaufhörlich und ich empfinde die Situation als extrem grausam. Armut ist mir aufgrund einer Beschäftigung in einem der ärmsten Länder der Welt vertraut, damit kann ich umgehen. Aber diese Situation erschüttert mich total und ich kann auch nicht gleich beschreiben, was diese Situation so unerträglich macht.

Heute denke ich, alles was ich mir an Wissen zum Thema Krieg, Flucht und Migration über Jahrzehnte theoretisch aneignete, hat sich beim ersten Besuch im Transitquartier Graz-Webling in voller Härte auf der Gefühlsebene manifestiert.

Ich habe mich sofort beim Team Österreich des ÖRK für die Mitarbeit in diesem Transitquartier gemeldet und so oft wie möglich „Dienst“ gemacht in Bereichen wie:  Essensverteilung, Freimachen und Reinigung der Hallen mit bis zu 1000 Betten je Halle, Desinfektion der Betten, Betreuung der wenigen Duschen, Spielen mit den Kindern… Neben der konkreten Hilfe war es mir wichtig, einen breiten Einblick in die Organisation dieses Transitquartiers zu bekommen. Einige Aspekte möchte ich hier anführen:

  • Unterschiedlichste Menschen haben Freiwilligendienst geleistet (man kam in den Pausen immer wieder ins Gespräch) – viele junge Menschen mit Migrationshintergrund, Studierende, kirchlich engagierte Leute, Menschen im Ruhestand, aber auch viele Berufstätige, Menschen aus der ganzen Steiermark, die sich vor Ort ein Bild machen wollten
  • Im Transitquartier ging es trotz der Extremsituation zumeist sehr ruhig ab – die Flüchtlinge waren nach der oft sehr langen Flucht müde (hier konnten sie zum ersten Mal in Sicherheit schlafen), Polizei und Security-Dienste agierten zurückhaltend, „schwierige Fälle“ wurden rasch separiert, die medizinische Versorgung war gut organisiert
  • Das Essen empfand ich als eine Katastrophe – mittags gab es täglich das Gleiche, Rindsgulasch aus der Dose mit Toastbrot und eine Banane. Trotzdem erhielten wir bei der Essensverteilung viel Dank.
  • Die Transitflüchtlinge blieben in der Regel 1-3 Tage im Transitquartier und „zogen“ weiter, sobald der Transport geregelt war. Flüchtlinge, die in Österreich Asyl beantragten, waren oft wochenlang im Transitquartier in einer der Hallen mit vielen anderen – ohne Privatsphäre, ohne Wissen wie es weiter geht, ohne Beschäftigung, täglich Rindsgulasch…

Viele Leute aus meinem Umfeld engagierten sich im Transitquartier Graz-Webling und arbeiteten der Caritas oder dem ÖRK zu. Wir Freiwilligen tauschten auf informeller Ebene unsere Erfahrungen aus und erfuhren so, was im Quartier oft fehlte, um die Situation angenehmer und freundlicher zu machen – wie zum Beispiel Kinderspielzeug, geeignet für die Bedingungen vor Ort – wenig Platz im Inneren, keine Tische und Sessel, keine gemeinsame Sprache…

Meine junge Freundin und ich beschlossen, passende Spielsachen zu organisieren. Dazu erstellten wir eine detaillierte Liste mit geeignetem Spielzeug. Innerhalb kurzer Zeit hatten wir große Mengen an passenden und schönen Spielsachen – kleine Bilderbücher, Puppen, Stofftiere und Bälle, Papier, Farbstifte, Malvorlagen, Luftballons, Seifenblasen, Matchboxautos. Besonders beliebt waren die Dinge für draußen – Dreiräder, Roller, Bobbycars und große Bälle, die auch die Jugendlichen und Männer liebten (endlich einmal Sport und Spaß). Die großen Spielzeugmengen bekamen wir v.a. von 5 Schulen, die Sammelaktionen starteten.

Manche Leute rümpften beim Thema Spielsachen für Menschen auf der Flucht die Nase, „ein Luxusthema“. Die Aktion empfinde ich auch 5 Jahre danach noch schön: unsere Kinder haben gerne geteilt, die Freude der beschenkten Kinder war riesengroß, auch weil sie Spielsachen auf die weitere „Reise“ mitnehmen durften.

Gegen Weihnachten hin leerte sich das Quartier, die Freiwilligen wurden immer seltener gebraucht. Anfang 2016 wurde das Transitquartier Graz-Webling geschlossen. Die Freiwilligenarbeit aber blieb, an anderen Plätzen und mit anderen Aufgaben, aber das ist eine andere Geschichte!

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