Die Natur heilt und verbindet

Eva Novotny, Gablitz, Niederösterreich

Foto: Eva Novotny

Die Natur heilt und verbindet – Das habe ich erlebt, als es den Afghanen, die 2002 nach Österreich kamen, sehr schlecht ging. Die Traumata des Erlebten ließen sie nicht los und sie konnten keinen Schlaf finden.

Therapie auf Krankenschein war nicht zu bekommen. Also nahmen wir sie, sooft wir Ausflüge machten, mit, sogar zum Schifahren.

Als 2016 in meiner Deutschgruppe die ersten Flüchtlinge ihre negativen Bescheide bekamen, konnten sie sich nicht mehr konzentrieren, waren ständig müde, angsterfüllt und traurig.

So nahmen mein Mann und ich Dawood und Allahyar, zwei Freunde, mit in die romantische Erlaufschlucht, sie genossen es und waren dankbar. Im Winter wanderten wir von Alland nach Heiligenkreuz. Es war eiskalt und der Schneesturm prickelte im Gesicht, aber keiner jammerte, auch das gefiel ihnen.

Da der Naturschutzbund immer ehrenamtliche Helfer für die Pflege seiner Naturschutzgebiete braucht, begleiteten sie uns. Sie lernten, wie man mit geschützten Pflanzen umgeht, arbeiteten fleißig nach Anweisung und lernten Leute kennen, die ihnen wohlwollend begegneten. Ich dachte, das sei auch ein Bonuspunkt für gute Integration, aber leider, es interessierte den Richter nicht.

Dawood und Allahyar waren meine fleißigsten Schüler, immer verlässlich und hilfsbereit und den bösen Stimmen zum Trotz, lud ich sie und 5-10 Kollegen monatlich zu einem Essen zu uns ein. Sie sollten sehen, wie unsere Tischsitten sind, auch unsere Speisen kennen lernen  und ich erhoffte mir von ihnen mehr zu erfahren, wie sie denken, was sie glauben. Aber wir feierten auch ihr Neujahrsfest im März und ich versuchte es so zu gestalten, wie es bei ihnen üblich war. Respekt vor der anderen Kultur ist so wichtig um Vertrauen zu erlangen.

Im Deutschkurs las ich zuletzt ein kleines Büchlein mit ihnen, das eine Pakistani geschrieben hatte, deren Eltern nicht wollten, dass sie österreichische Sitten annimmt und als sie sich dann in einen Österreicher verliebt hatte, und nicht den für sie vorgesehenen Cousin in Pakistan heiraten wollte, wurde sie mit dem Tod bedroht. Es war für mich interessant, wie sie auf das Buch reagierten, zuerst fanden sie dieses und jenes hätte sie nicht tun dürfen, doch ich glaube, die Diskussion öffnete ihnen in so manchen Dingen die Augen und sie lernten, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Entsetzt sah ich einmal auf Dawoods Handy unter seinen  Fotos ein Hakenkreuz, er hatte es in Afghanistan fotografiert und wusste nichts über dessen Bedeutung. So gab es viele Dinge, die die Burschen nicht wussten und wir alle bemühten uns, sie aufzuklären. Sie waren interessiert und lerneifrig. Allahyar durfte auf dem Bauhof unseres Ortes mitarbeiten, einen Vormittag für 4€/Stunde. Einmal erzählte er mir, wie schrecklich es sei, dass die Leute noch intakte Dinge wegwerfen würden. Auch bei uns ist eben noch nicht alles gut, auch wir haben noch viel zu lernen.

An unseren letzten Ausflug auf die Rax erinnere ich mich noch gut. Es war ein prachtvolles Wetter. Zum ersten Mal fuhren Dawood und Allahyar mit einer Seilbahn. Oben erfreuten uns die Blumen und wir wanderten bis zur Seehütte. Mein Mann und ich hatten manchmal schon Schwierigkeiten hohe Stufen hinunterzusteigen, da kam immer einer der beiden und reichte uns die Hand. Auch unseren Rucksack wollten sie uns abnehmen. Und dann saßen sie schweigend bei der mitgenommenen Jause und blickten in die Ferne und meinten, wie schön es gewesen wäre, in Afghanistan auf Berge gehen zu können, aber das sei nicht möglich gewesen, dort seien die Verstecke der Taliban..

Diese Ausflüge brachten sie auf andere Gedanken und schmiedeten uns zusammen und umso mehr war die plötzliche, unerwartete Abholung Allahyars von 7 Polizisten ins Schubhaftgefängnis,  um10 Tage später nach Afghanistan abgeschoben zu werden, ein Schock. Nicht einmal besuchen durften wir ihn. Nur eine Person ½ Stunde, zwei Mal pro Woche. Auch Geld konnten wir ihm keines geben- es wäre für den Abschiebeflug verwendet worden. So grausam geht man hierzulande mit guten, fleißigen Menschen um. Er wurde wie ein Verbrecher behandelt. Dafür schäme ich mich immer noch sehr.

Beide Burschen waren in ihrer Heimat Polizisten gewesen, wollten Menschen vor Kriminellen schützen, aber ihnen wurde nicht geglaubt, es sei keine persönliche Verfolgung …und die Integration war vollkommen unwichtig. Die gute B2 Prüfung von Allahyar war ganz uninteressant. Aus meiner Tasche zahlte ich die teuren Prüfungsgebühren, einen Erste Hilfekurs beim Samariterbund, alle Deutschunterlagen…alles war selbstverständlich für unsere Politik, denn offiziell gab es gar keinen Deutschkurs in unserem Ort, keinerlei behördliche Hilfen.

Umso größer unsere Enttäuschung, dass alles unser Bemühen umsonst war und unsere Freunde uns unvermutet entrissen wurden. Dass wir nichts tun konnten, die Petition, die 2000 Leute unterschrieben hatten, nichts gezählt hat…Wir haben keine Stimme in diesem Land.

Allahyar wurde unvermutet abgeschoben, die Folgenden haben wir zum Glück rechtzeitig gewarnt und der Behörde keine Bleiberechtzusicherung mehr geglaubt. So mancher bekam in einem anderen Land Asyl.

Aber unsere Freunde bleiben auch in der Ferne Freunde und wir wissen, wie es ihnen geht so lange es Whatsapp gibt und wir helfen, soweit wir können.

Ich freu mich, wenn ich weiterhin an ihrem Leben teilhaben darf. Wir sind doch eine Welt !

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.