Die Verhandlung und der Abschied

Eva Novotny, Gablitz, Niederösterreich

Um 8.00 Uhr sollte Dawood in Wiener Neustadt sein und zum Interview kommen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln von unserem Ort aus kaum zu schaffen. So fuhren wir bei strömendem Regen zur Adresse des Asylamtes, die schwer zu finden war.

Durchsuchung beim Eintritt nacheinander. Ich musste vor der Türe warten. Der Kontrollierende durchsuchte meine Tasche und das Geldbörsel. Ausweise abgeben und bis 9.15 Uhr warten. Im Warteraum läuft ein Fernseher, der ständig denselben Videoclip bringt, in dem die Flüchtlinge aufgefordert werden, doch freiwillig wieder nach Hause zu fahren.

Außer uns wartet noch eine afghanische Familie mit 2 kleinen Kindern. Es ist heiß im Raum. Die Fenster sind nicht öffenbar.

Wir, Dawood und ich, haben Glück, wir sind als erste an der Reihe. Der Befrager, im Ruderleiberl schaut wie ein Boxprofi aus. Seine Fragen sind seltsam, oft schwierig zu verstehen.. „Wie oft wurde ihnen der Lohn ausbezahlt?“ 3x, nein 4x…die Frage kommt später nochmals. Dawood weiß es nicht genau. Ein Beispiel für seine „Unglaubwürdigkeit“. Drei Stunden ohne Pause dauert die Verhandlung. Die Familie mit den kleinen Kindern wartet immer noch und wartet lange, denn der Befrager macht zwei Stunden Pause. Warum hat man sie für 8 Uhr bestellt?

Nach einer Woche der negative Bescheid. Wir sind enttäuscht. Dawood wurde doch verfolgt, weil er Drogenschmuggel aufgedeckt hatte. Ich war mir sicher, dass ihm Asyl gewährt würde.

Bei Asyl in Not wurde eine Berufung geschrieben, Dann begann das bange Warten.

Dawood schrieb Gedichte. Über 80 waren es. Er tat sich nicht leicht mit Deutsch, nur drei konnte ich mit ihm gemeinsam übersetzen. Ich fand niemanden, der bereit war und der es konnte, sie ins Deutsche zu übertragen. Aber ich suchte für diese drei Fotos, die dazu passten und gestaltete ein Büchlein für ihn, es war Ansporn für ihn, Deutsch besser zu lernen und er konnte uns so seine Gefühle, seine Gedankenwelt vermitteln und fühlte sich von uns verstanden. Er begann eine Geschichte für ein Kinderbuch zu schreiben…wir suchten nach Illustrationsmöglichkeiten. Wir hatten so viel vor.

Dawood arbeitete als Schülerlotse, er wollte im Pflegeheim helfen, doch die wollten keinen Afghanen. Ich ging mit ihm zum Roten Kreuz, doch die Dame lehnte ihn eiskalt ab. Ohne perfektes Deutsch könne sie ihn nicht brauchen und Auto waschen dürfe er nicht ohne versichert zu sein. Er war traurig. Er machte sich Sorgen um seinen Vater, der allein zurück geblieben war. Seine Mutter war an einem Gehirntumor verstorben, sein Bruder von den Taliban ermordet, seine Schwester lebte im Iran. Um ihn abzulenken, nahmen wir ihn zu Ausflügen mit: in die Erlaufschlucht, auf die Rax, nach Heiligenkreuz…Die Natur liebte er, war mit uns bei  einem Einsatz des Naturschutzbundes mit dabei. Wir schlossen ihn ins Herz. Er war hilfsbereit, friedfertig, einfach lieb.

Doch wie ein Blitz traf uns nach dem zweiten Interview der wieder negative Bescheid. Unglaubwürdig. Wir studierten Landkarten und zeigten ihm, wie und wo er die Grenze nach Italien überqueren könne, kauften einen Schlafsack, ich nähte das Geld in seinen Anorak ein und jeder gab ihm eine Kleinigkeit mit auf die Reise. Er erreichte sicher Bozen. Wir atmeten auf. Es gab dort kein Quartier, er schlief eine Woche unter Bäumen und hatte Angst. Wir baten ihn um Geduld, aber er zog weiter in die Schweiz und als er hörte, nach Österreich zurückgeschoben zu werden, zog er weiter nach Frankreich. Dort ist er noch immer, sein Verfahren ist nicht zu Ende. Aber, er wurde auch von dort nach Österreich abgeschoben, es gab ein traurig-freudiges Wiedersehn. Da man ihm versprochen hatte, kein 2.Mal nach Österreich abgeschoben zu werden, entschloss er sich zur Rückkehr nach Frankreich. Diesmal über andere Grenzen, aber mit Hilfe von Freunden, klappte das. Nun schickt er uns kleine Videos mit Gitarrestücken, die er dort gelernt hat und hat noch immer Hoffnung bleiben zu können…aber unser Ort, unsere Gruppe, das ist seine Familie, zu der wollte er gerne zurück. Wir vermissen ihn, den Hilfsbereiten, zartfühlenden Burschen.

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