Wie alles angefangen hat

Eva Novotny, Gablitz, Niederösterreich

Mai 2015

Ich gebe alle meine Bücher über Fremdenrecht und Fremdengesetze zum Flohmarkt. Seit 1992 kümmerte ich mich um Flüchtlinge. Die meisten kommen schon allein zurecht. Ich habe 3x wöchentlich mit 10 afghanischen Kindern gelernt, sie sind ganz tüchtig in der Schule.

Jetzt will ich endlich Zeit für mich haben.

September 2015

Es kommt anders.

Schlagzeile: 40 000 sind unterwegs vor unseren Grenzen. Die Ersten sind bereits am Westbahnhof. Ich muss helfen, muss Verantwortung wahrnehmen. Ich fahre hin, mit Schlafsäcken, Bekleidung, Nüssen, Rosinen. Es wimmelt vor Menschen. Ich spende für Fahrkarten und trage mich in eine Helferliste ein. „Willkommen“ ist überall zu hören und zu lesen. Ich bin stolz auf mein Land.

Der erste Einsatz ist am Bahnhof in einer vollgepferchten Lounge bei Müttern und Kindern. Wir breiten Decken auf dem Boden auf, violette in der Kuschelecke, orange in der „Essecke“.

Ich gehe Essen kaufen, denn die Menschen sind hungrig. 40 Joghurtbecher, Weißbrot, Nüsse, Äpfel..

Frauen sitzen am Boden mit Kleinkindern und starren ins Leere. Sie sind erschöpft. Die Kinder spielen mit Stofftieren, malen, ein Bub bastelt ein Gewehr aus Legosteinen, andere sausen unruhig herum. Mit einem 6-Jährigen bastle ich Schiffe und Flieger, schaue ein Bilderbuch an. Er freut sich.  Ich sehe nirgends seine Eltern. Doch plötzlich taucht ein Mann auf und nimmt ihn mit. Er weint, will bei mir bleiben. Armer Kleiner!

Es ist furchtbar heiß in dem Raum, die Schweißbäche rinnen mir herunter. Erschöpft fahre ich abends heim und lese, dass 20 000 Leute in Nickelsdorf eingetroffen sind. Ungarn will alle illegal Eingereisten einsperren und strafen. Gut, dass sie es bei uns besser haben, denke ich. Die meisten wollen weiter nach Deutschland, brauchen Geld für Fahrkarten.

Ich lese, dass Deutschland die Grenzen schließt.

Noch bis Ende November fahre ich zum Westbahnhof. Auf einer Doodle-Liste kann man sich eintragen. Viele Afghanen, meist Hazara sind angekommen. Sie wollen ihre Handys aufladen, aber in den Steckdosen ist kein Strom. Ich gehe wieder Lebensmittel kaufen und verteile sie. Ich arbeite im Caritas Lager. Berge von Kleidung sind zu sortieren und zu verteilen. Neben mir arbeiten nette Studenten und Studentinnen sehr fleißig, wir begleiten die Flüchtlinge durch das Lager, damit sie nicht alles in Unordnung bringen. Sie brauchen Rucksäcke, Taschen, Schuhe, Hygieneartikel. Menschen aus allen Schichten durchsuchen das Angebot. Ich freue mich, mit so hilfsbereiten Leuten zusammenzuarbeiten. Ein junger syrischer Flüchtling, der Englisch spricht, hilft auch mit. Ich nehme ihn später zu mir nach Hause, richte ihm ein Zimmer her. Er bleibt 3 Monate, dann will er wieder nach Wien, weil ihm der Weg zur Uni zu weit ist. Ich erfahre viel über seine Familie, sein Land, von dem ich bisher nur wenig wusste. Eine Österreicherin mit syrischen Wurzeln hilft auch im Lager mit. Ich bitte sie zu uns in den Ort zu kommen, denn unterdessen sollen wir auch ein paar Flüchtlinge bekommen. Einige helfen Wollende tun sich zusammen, ich lerne Leute aus meinem Ort kennen, wir verstehen uns, haben dasselbe Anliegen. 50 Willkommenssackerl werden gefüllt mit Hygieneartikeln und Naschsachen, wir warten gespannt, wer uns zugeteilt wird.

Ende Oktober 2015

Ich hole Süheyla in Hütteldorf ab, heute sollen unsere Flüchtlinge zu uns kommen. Eine Dame stellt ein baufälliges Haus zur Verfügung. Wir besichtigen das Haus, es gibt keinen Kasten, nicht genug Betten, keine Beleuchtungskörper, keine funktionierende Dusche , keine funktionierende Heizung. Unsere Gruppe beginnt zu arbeiten: den verdreckten Kühlschrank und Herd zu putzen, Sessel und Betten ,Teppiche, Bettwäsche und Kasteln herbeizuschaffen.. Um 14.30 Uhr werden die ersten 8 Personen, Syrer und Iraker gebracht. Süheyla  übersetzt . Ein paar Tage später kommt ein Bus mit Afghanen. „Da kannst du nicht hingehen!“ , warnt mich ein Herr, „das ist gefährlich für dich als Frau!“ Die bösen Gerüchte haben schon ihre Runde gemacht. Manche Leute im Ort haben Angst. Im Haus gibt es keine Lebensmittel. Die zuständige Quartiergeberin kommt und sagt, sie hätte leider kein Geld um welche zu kaufen. Ich fahre einkaufen: Öl, Reis, Nudeln, Obst, Gemüse, Milchprodukte. Ich frage mich, wie dieses Quartier genehmigt werden konnte, wo es doch so strenge Auflagen geben sollte? Bald ist das Haus voll mit 25 Leuten. Nur Männer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Sie sehen müde aus.

8. November 2015

Die Leute aus dem Ort, die helfen wollen, ein kleines Grüppchen trifft sich in einer Pizzeria. Mein syrischer Flüchtling ist mit dabei und bemerkt: „So viele nette Leute!“ Ich bin glücklich, so viele Gleichgesinnte kennengelernt zu haben. (Bis jetzt, 2021 sind wir eine fest zusammengewachsene Gruppe von Freunden und haben einen Hilfsverein gegründet.)

Ich beginne mit den Deutschkursen, kaufe Bücher, kopiere zu Hause, tausende Zetteln, stelle Lernhilfen zusammen. Anfangs unterrichten wir im Haus einer Helferin. „Wie heißt du? Woher kommst du?“…..Wir zeigen ihnen Wien, Schönbrunn, den Tiergarten, die Innenstadt.

Als die 14 Afghanen dazukommen, dürfen wir das Pfarrheim als Kursort benützen. Täglich von 9-12 Uhr findet der Deutschkurs statt. Es kommen weitere Flüchtlinge dazu. Die Frauen wollen nicht gemeinsam mit den afghanischen Männern lernen, wir bilden mehrere Gruppen.

Wir feiern ein Weihnachtsfest im Pfarrsaal, die Flüchtlinge kochen afghanische und syrische Speisen. Wir lernen viel Neues kennen.

Im Ort machen sich die ersten negativen Stimmen bemerkbar. „Wenn die Flüchtlinge hier sind, kann ich meine Kinder nicht allein auf die Straße lassen! Ein Mann schaut meine Tochter im Bus so begehrlich an! Sie fotografieren unsere Häuser um später einzubrechen…!“

Der Bürgermeister verhängt Schwimmbadverbot für die Flüchtlinge, Burkini darf auch nicht getragen werden aus Hygienegründen…

Ich gehe auf eine Demo vors Parlament, am Heldenplatz versammeln sich Tausende um für Menschlichkeit und freundliche Aufnahme dieser Leidgeplagten zu demonstrieren. Ich freue mich, dass wir so viele sind. Aber die Politik will sie loshaben: Wirtschaftsflüchtlinge, Kriminelle und solche, die unser Sozialsystem ausnützen wollen kann man hören. Sie sind lauter als wir. Die Ablehnung steigt.

Mit der Hausvermieterin gibt es Probleme. Unsere Gruppe mietet Wohnungen für die Flüchtlinge. Wieder einrichten, Kosten…

Während Syrer gleich Asyl bekommen, wird über Afghanen viel Böses verbreitet. Sie seien Vergewaltiger, Drogensüchtige…Die Landeshauptfrau von NÖ fordert einen Zaun ums Land.

Unsere Flüchtlinge verhalten sich ruhig, unauffällig. Sie bekommen es langsam mit, dass sie hier nicht erwünscht sind. Manche fallen in Depression, nachdem die Ersteinvernahme negativ ausgeht.

Mein Mann und ich freuen uns, seit 30 Jahren endlich Freunde im Ort gefunden zu haben und auch die Flüchtlinge von 2015 sind uns Freunde geworden. Es war schmerzhaft, als der erste  nach Afghanistan abgeschoben wurde , als andere nach Italien, Frankreich und England weiterziehen mussten…..

Gestern, am 6. Mai 2021

begleitete ich mit einer Freundin einen so lange Warteten zur Asyl-Verhandlung. Dort meinte er zur Richterin: Die zwei Damen sind meine Familie!

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