Gedanken und Erinnerungen an meinen afghanischen Patensohn Ali*

Sylvia, Niederösterreich

Vier Jahre habe ich jeden Tag in der Früh vor dem Aufstehen an Ali gedacht, vier Jahre lang habe ich vor dem Einschlafen Ali in meine Gebete eingeschlossen, vier Jahre habe ich versucht, einem jungen Menschen Vater und Mutter zu ersetzen, unsere Kultur, unser Leben nahezubringen. Und vier Jahre habe ich ihn geliebt, wie man einen Sohn nur lieben kann! Vier Jahre habe ich fast jeden Tag mit ihm telefoniert, ihn fast jeden 2. Tag gesehen und mit ihm 1x pro Woche bei mir gekocht, Aktuelles besprochen, etwas eingekauft, einen Ausflug gemacht, gelernt, Hausaufgaben gemacht, gemeinsam Blumen im Garten gesetzt, seine Wohnung mit eingerichtet etc.

Einfach „Leben“!

Und dann wird ihm und auch mir von der Behörde gesagt, dass ihm in Österreich kein besonderer Schutz des Familienlebens zustünde, da er ja hier keine Familie hat und auch die Beziehung zu seinem in Österreich lebenden Bruder keine Hinweise auf eine  intensive Beziehung zulassen, da sie nicht im gemeinsamen Haushalt leben und das Bestehen einer finanziellen oder sonstigen Abhängigkeit nicht behauptet werden kann! Wird zumindest vom Gericht behauptet, obwohl bei der Verhandlung selbst vollkommen klar war, wer in welcher Intensität für ihn da ist und das auch belegt wurde. Da ist man dann einfach nur mehr sprach- und fassungslos!

Und dann von einem Tag auf den anderen, wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel das 2. negative Erkenntnis, obwohl sich Ali so verhalten hat, wie es die Auflagen des Richters verlangten: Selbsterhaltungsfähigkeit, nachgewiesen an regelmäßiger Arbeit im Mangelberuf und an einer eigenen Wohnung! Und das obwohl seinem Bruder von vorneherein – vom selben Referenten in der 1. Instanz schon  – bei gleicher Fluchtgeschichte und gleicher Problematik – zumindest der Status des subsidiären Schutzes zugestanden wurde.

Es wird gesagt, dass die Jugendlichen hier keine Familie haben und doch lassen sie uns, die Patinnen und Paten hier einfach zurück! All´ jene, die sich ehrlich bemüht haben aus Kindern vernünftige Jugendliche und gescheite Erwachsene ohne Hass und Hader, ohne Neid und Missgunst, ohne Vorbehalte gegenüber Staaten, Kulturen, Religionen und Rassen zu gescheiten Erwachsenen, die in der Lage sind sich erfolgreich Ihre Existenz hier in Österreich aufzubauen, zu machen! Diesen allen zerreißt es schier das Herz!!!

WIR HIER SIND NICHTS! WIR WERDEN NICHT GEHÖRT! WIR HABEN KEINE RECHTLICHE POSITION! BEI DEN EINVERNAHMEN BEIM BFA SIND WIR BESTENFALLS „GEDULDET“! UNS GIBT ES GAR NICHT! DASS WIR DAS PERMANENTE BEHÖRDENVERSAGEN VERSUCHEN JAHRELANG AUSZUGLEICHEN – DAS WIRD MIT KEINEM WORT ERWÄHNT! VON EINEM DANKESCHÖN DER GESELLSCHAFT AUCH GLEICH ABGESEHEN!

Aber es macht ja etwas mit dieser Gesellschaft! Es macht ja etwas mit uns und unseren Familien! Die Menschen „verschwinden“ ja nicht so – sie werden zwar als gesichtslose Masse von uns permanent negiert – ohne jeglichen Anspruch auf Berufstätigkeit, Schulbildung etc. – aber sie verändern auch unser Miteinander in den Kommunen. Auch die permanent negative Behördentätigkeit macht etwas mit der Zivilbevölkerung! Die Ungewissheit über Ihren Verbleib ist vergleichbar mit Kriegshandlungen mitten im Frieden und es gibt keine gemeinsame Erinnerung!

Auch, wenn wir – schon im Interesse unserer Schutzbefohlenen – nicht an die Öffentlichkeit gehen, obwohl eigentlich alles danach schreit! Leider ist es nur ein stummer Schrei, denn keine Partei, keine Regierungsstelle kann oder will wirklich Verantwortung übernehmen! Und wir enttäuschten, gekränkten, „abgehalfterten“ Paten leben weiterhin ein unauffälliges angepasstes Leben als Staatsbürger, als Arbeitnehmer, als Konsument, als Christ! UND ICH FRAGE MICH, WIE MAN DAS ÜBERHAUPT ERTRAGEN KANN! SO VIEL UNGEWISSHEIT, SO VIEL LEID JUNGEN MENSCHEN ANZUTUN, DIE HIER IN ÖSTERREICH CHANCEN HÄTTEN UND DIE WIR – SCHON ALLEINE AUS WIRTSCHAFTLICHEN,  WENN SCHON NICHT HUMANITÄREN GRÜNDEN – DRINGEND BENÖTIGEN WÜRDEN!

Dass diese Vorgangsweise über kurz oder lang zu einem Nachteil für alle ÖsterreicherInnen werden wird, dessen bin ich mir gewiss. Die österreichische Gesellschaft hat definitiv nicht Ihr Bestes gegeben und es wäre ein Leichtes gewesen, die Anzahl der bereits im Land befindlichen und seit 4 – 5 Jahren um Integration und Akzeptanz täglich kämpfenden jungen Menschen hier wirklich als vollberechtigte Staatsbürger aufzunehmen. Ihnen Perspektiven zu geben!

Nicht zu sprechen vom persönlichen Leid, der Angst, der Panik, der Traumen und Wunden, die wieder aufgerissen werden, der Sprachlosigkeit. Wie schon Jesus selbst sagte: wenn sogar Ihr, die Ihr selbst nicht ohne Fehl und Tadel seid, Euren Kindern, wenn sie vor Hunger weinen, keine Steine zum Essen gebt – umso mehr wird Gott Euer Vater um Euch immer besorgt sein! DIESEN KINDERN UND JUGENDLICHEN GEBEN WIR ABER STEINE ZUM ESSEN!

Beim Abschied hat mich mein Patensohn umarmt; mir gesagt, dass er mich liebt und mir für alles dankt. Ich habe sehr ungelenk (er ist für einen afghanischen jungen Mann recht groß) versucht, ihn zu umarmen; er hat sich zu mir herunter gebeugt und ich habe ihn auf seine Wangen geküsst (etwas was junge Heranwachsende von ihren Müttern nicht so sehr wollen); ihm gewünscht, dass ihn der liebe Gott behüten möge und ihm das christliche Kreuzzeichen auf seine Stirne gezeichnet. Er weiß was es bedeutet, er war mit mir in diversen Kirchen und Klöstern in Österreich und er glaubt daran, wie auch ich, dass es nicht auf die Religion ankommt: denn letzten Endes sind Moral und Ethik aller monotheistischen Religionen, egal ob im Christentum, im Islam, im Judentum gleich. ES GIBT NUR EINE WURZEL ALLEN MENSCHLICHEN LEBENS UND ALLER GLAUBENSRICHTUNGEN UND DAS IST LETZTLICH DIE ALLUMFASSENDE LIEBE! UND DAS IST WAHRSCHEINLICH AUCH DER EINZIGE TROST, DER UNS ALS ZURÜCKGEBLIEBENE BLEIBT!

*oder er heißt Abdullah, Mohammad, Jalal, Asieb , Naser, Peyman, Parvis, Khabir, Mahdi, Abdullah, Arbaz, Hassan, Hadi, Zeid, Salman, Mehdi, Omid,Hossein,.…

1 Kommentar
  1. Rosa Hamedl
    Rosa Hamedl sagte:

    Tiefe Betroffenheit, tiefe Scham befällt mich beim Lesen! Ja – „Es ist was es ist, sagt die Liebe!“.

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