Staatsfeiertag

Dorothea Kurteu, Graz

Eine Notiz vom 26. Oktober 2015

Ich bin müde und tief traurig nach einem Tag an der Grenze in Spielfeld. Lebensmittel von Hand zu Hand gereicht. In viele Augen geschaut.  Was, wenn wir uns an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit begegnet wären? Was hätten wir einander dann zu erzählen gehabt? Jetzt könnte die Ungleichheit nicht größer sein.

Ich habe ein paar Bilder unserer improvisierten Ausgabestation auf Facebook gepostet. „Ah mein Wasserkocher! ;)“, schreibt Elfriede, „… den hab ich gestern erst runtergebracht.“ Wir brauchen das warme Wasser für die Babymilch.

Es begegnen mir an der Grenze viele Menschen mit ganz praktischer Herzlichkeit und Kompetenz. Silvia ist auch so eine, ehrenamtliche Rotkreuz-Mitarbeiterin aus Wagna. Sie teilt in einer Pause Schnitzelsemmeln aus (die wir im Verborgenen essen …) und sie erzählt, dass die eigentlich für den alljährlichen Staatsfeiertags-Wandertag der Gemeinde gedacht waren. Der junge Bürgermeister hat das Wandern dieses Jahr kurzerhand abgesagt und die Schnitzel als Dank zu den Helfer*innen an die Grenze geschickt. „Ein bissl gemurrt haben sie schon im Ort“, sagt Silvia, „aber der zieht das durch“. Er hat auch 400 Schlafplätze für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt.

Ich kenne die Geschichte von Wagna in der Südsteiermark ein wenig und hab jetzt noch einmal recherchiert. Die meisten Bewohner*innen von Wagna sind selbst Kinder, Enkel oder Urenkel von Flüchtlingen. Nach Ende des 1. Weltkriegs sind Flüchtlinge aus Polen und Norditalien nach Wagna gekommen – allein im Jänner 1915 15.000 Menschen aus Galizien. Nach Ende des 2. Weltkriegs waren es auch hier „Volksdeutsche“ aus Südosteuropa – die waren im Lager bei den Römerhöhlen untergebracht. Diese Höhlen waren bei den Nazis eine „Aussenstelle“ des KZ Mauthausen. Aus meiner Kindheit kenne ich den Fußballclub „Flavia Solva“, der war damals ziemlich gut. Jetzt erst weiß ich, dass er aus dem Flüchtlings-Lager-Kickerteam hervorgegangen ist.

Das alles haben sie in Wagna offenbar nicht vergessen. Und das lässt mich jetzt doch nicht ganz traurig schlafen gehen.

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