Nachtschicht im Flüchtlingslager

Nina Zuckerstätter, Wien

Fotos: Nina Zuckerstätter

Flüchtlingslager Kara Tepe, Lesbos. In den frühen Morgenstunden des 18.3.2017

Nachtschicht im Flüchtlingslager. Das Bild der sich türmenden Rettungswesten und kaputten Schlauchboote auf einer einsamen Mülldeponie in den Bergen von Lesbos habe ich noch vor Augen. Es sind tausende und abertausende Westen, jede einzelne steht für ein Schicksal, steht für ein Leben. Es ist der erste Tag an dem ich untertags frei und genug Energie habe, gemeinsam mit anderen Freiwilligen die Insel zu erkunden. Wir stehen vor diesen vielsagenden Plastikbergen, dunkle Wolken ziehen auf, es weht stürmischer Wind aus nördlicher (türkischer) Richtung, ein paar Möwen kreisen über die Deponie. Im Hintergrund friedlich grasende Schafe, ein paar baufällige Hirtenhütten. Wir machen Fotos, versuchen unsere Gedanken in Worte zu fassen, obwohl es für diesen Moment keine Worte gibt.

Es ist derselbe Tag, an dem wir vorgeben Touristen zu sein, die Insel besser kennenlernen wollen auf der wir seit einer Woche leben und die seit 2 Jahren die Last EU-politischer Verantwortungslosigkeit trägt. Noch an diesem Tag und während ich mit einer Kollegin der Hilfsorganisation im Flüchtlingslager Kara Tepe die Nachtschicht antrete, bekomme ich einen Link zugesendet von einem Artikel auf derstandard.at, eine Berichterstattung aus Lesbos. Der Artikel erzählt von einem Einzelschicksal eines Flüchtlings im berüchtigten Lager Moria. Von einer Organisation, die wir am selben Tag besucht haben – sie bietet Kurse an für die lokale Bevölkerung und für Flüchtlinge, näht Taschen aus Rettungswesten, die von der verlassenen Mülldeponie stammen und ist ein offenes Zentrum für Interessent*innen jeder Herkunft. Erzählt wird auch von den beiden Pakistanis, die sich dort etwas Geld verdienen, während sie auf unbestimmte Zeit auf Lesbos festsitzen. Der Artikel ist gut recherchiert, soweit ich weiß stimmen die Fakten. Nach dem Lesen des Artikels habe ich dann einen Blick auf die Kommentare unter diesem Artikel im Forum von derstandard.at geworfen. Wenig überraschend waren die Kommentare der User*innen wenig menschenfreundlich und nächstenliebend. Von Fake News ist hier die Rede, schlechte Recherche und Berichterstattung wird unterstellt, mangelnde Asylgründe und die üblichen Themen. Am Ende soll der Sozialstaat der Leidtragende sein, unsere noch fast sichere Heimat demnächst in totaler Anarchie versinken. Ich wundere mich. Jeder Kommentar, der den sofortigen Stopp menschenwürdiger Behandlung fordert, erhält einen stabilen grünen Balken. Kommt hier jemand mit Nächstenliebe wird er/sie sofort mit roten Stempeln abgestraft. Die wenigen, die hier noch dagegensprechen, haben als „Moralaposteln“ keine Chance mehr. Schon oft bin ich auf Kommentare wie diese gestoßen, doch diesmal bin ich persönlich involviert, persönlich getroffen von den Anschuldigungen, die hier gegen die Menschen völlig unbekannterweise aus der Ferne getroffen werden und Meinungen bilden werden.

Während meiner Nachtschicht also, die diesem intensiven Tag folgt, habe ich Zeit darüber nachzudenken. Soll ich mich dazu melden? Soll ich Stellung beziehen als involvierte Person vor Ort? Ich weiß es nicht. Eines weiß ich aber mit Sicherheit: Ein syrischer junger Mann, jemand vor dessen Ankunft sich viele Menschen in Österreich regelrecht fürchten, sitzt seit 8 Monaten im Lager Kara Tepe fest. Wie viele seiner Landsleute hier im Camp ist seine Familie auf die ganze Welt verstreut, einige enge Familienmitglieder sitzen noch in Syrien fest. Er selbst ist aus Aleppo. Bei einem Bombenanschlag wurde sein Zuhause getroffen. Er erzählt uns, als wir einen Film am Computer starten wollen, dass er selbst einen gehabt hat. Etwas kleiner allerdings. Nach den Bomben kamen die Plünderer und nahmen ihm und seiner Familie alles was noch übrig war. Gewand, Computer, alles. Er ist ein bewundernswerter Junge, der äußerst hilfsbereit im Camp mithilft und eine wichtige Ansprechperson, wichtiger Übersetzer geworden ist. Der 17.3.2017 ist auch der Tag, an dem Merkel und Trump aufeinandertreffen. Er hält mir das Handy mit einem Video hin, von der Pressekonferenz der beiden. Er bittet mich zu übersetzen, in sein Handy auf Englisch einzutippen was Merkel auf Deutsch vor der Presse erklärt. Als ich damit fertig bin hört er sich die arabische Übersetzung an. Dabei verändert sich sein Gesichtsausdruck von gespannt auf vor Freude strahlend. Ich habe ihm übersetzt, dass Merkel bei ihrem Versprechen bleiben will, Flüchtlinge aus dem Kriegsland Syrien in Deutschland aufnehmen zu wollen. Er hat dort drei Brüder verteilt auf große Städte. Er sieht eine Chance. Und hält seine Hand in meine Richtung, damit ich einschlagen kann. Selten ist mir jemand untergekommen, den man weniger fürchten müsste als ihn.

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