2015 – eine Erinnerung

Traude Novy, Wien

Die Bilder des Herbst 2015 haben niemanden kalt gelassen. Zuerst die vom Bahnhof von Budapest, wo sich niemand der politisch Verantwortlichen für die Versorgung von tausenden von Flüchtlingen zuständig sah und Freiwillige für das Nötigste sorgten. Dann die Ankunft der Züge in Wien, die gestrandeten Menschen an der österreichischen Grenze. Viele junge Männer, aber auch Frauen und kleine Kinder und sehr viele Alte. Am neueröffneten Hauptbahnhof in Wien schlugen die Flüchtenden ihre Lager auf. Die österreichische Politik war vollkommen überfordert. Nicht aber die Zivilgesellschaft. Als ich Kleidungsstücke zum Bahnhof brachte, war dort von jungen Leuten eine logistisch hoch durchorganisierte Versorgungsstraße aufgebaut. Ohne diese Freiwilligen wäre unser System zusammengebrochen.

Eine Freundin sah am Heimweg drei völlig verloren herumirrende Kinder in der Nähe des Westbahnhofs und nahm sie kurz entschlossen mit nach Hause. Solche Geschichten gibt es zu Tausenden.

Dennoch, mich irritierten die enthusiastischen Menschen, die an den Bahnhöfen zum Willkommen winkten und die Flüchtlinge mit Geschenken in Empfang nahmen. Denn ich wusste „So sind wir nicht!“ Alle die sich in der Begeisterung aufgehoben fühlenden Flüchtlinge würden noch ganz anderes in diesem Land erleben – und so war es ja leider auch.

Der Wiener Kardinal nahm im renovierungsbedürftigen Pressezentrum der Erzdiözese 17 Flüchtlinge auf, die dort auf Pritschen dicht an dicht lebten. Sie wurden von den Angestellten der Erzdiözese besucht, versorgt und es stellten sich sofort Menschen für Deutschkurse zur Verfügung. Unter den arabisch sprechenden Flüchtlingen war ein einziger Afghane, der mangels Sprachmöglichkeit ziemlich verloren war. Eine Freundin fragte bei uns an, ob wir ihn vielleicht bei uns aufnehmen würden. Wir waren skeptisch. Dennoch ließen wir uns darauf ein, ihn für ein Wochenende bei uns einzuladen. Das passte sofort und ab dem Zeitpunkt blieb Fawad bei uns. Wir lernten mit ihm, der kaum auf Farsi lesen und schreiben gelernt hat,  Deutsch, ermöglichten ihm die Führerschein-Prüfung, er half im Garten und im Haus und unterstützte meinen Mann, dem es gesundheitlich immer schlechter ging. Wir lernten afghanisch kochen und er lernte Krautfleckerln lieben. Der Weg durch die Instanzen war ein mühsamer und aufreibender. Ich weiß nicht, was er ohne unsere Unterstützung gemacht hätte. Mehr als subsidiärer Schutz war nicht drin. Dennoch, er durfte arbeiten, erhielt eine geförderte Lehrstelle bei Penny und ist nun dort fix angestellt. Wir haben Fawads Freunde kennengelernt und viel über sein früheres Leben erfahren. Über seine Fluchtgeschichte spricht er nur in besonderen Momenten – ich denke, da muss er viel verdrängen, um das Leben bewältigen zu können. Mit viel Mühe und Unterstützung ist es jetzt gelungen, dass auch seine junge Frau nach Österreich kommen konnte. Wir haben dem jungen Paar eine kleine Wohnung vermittelt. Damit gingen die so ereignisreichen, oft frustrierenden aber auch sehr schönen und erfüllten gemeinsamen Jahre zu Ende – aber die Beziehung und Freundschaft wird hoffentlich ein Leben lang halten.

Abends beim Fernsehen höre ich noch immer die Haustür aufgehen, aber da kommt jetzt niemand mehr, der uns fröhlich guten Abend wünscht und sich erkundigt, wie es uns geht und mit großem Appetit dann alles was in der Küche noch über ist, vertilgt. Wir sind jetzt wieder ein Haushalt von zwei alten Menschen – allerdings mit einer Betreuerin, die zwar nicht von so weit her, aber doch auch aus einer anderen Lebenswelt kommt.

1 Kommentar
  1. eva Novotny
    eva Novotny sagte:

    Der Beitrag hat mich berührt und ich weiß, dass es vielen Menschen so geht, dass sie durch das Kümmern um einen Menschen, Freunde gefunden hatten. So manchen wurden die neuen Freunde entrissen und sie leiden jetzt unter Einsamkeit. Sie trauern der Zeit nach, in der sie viel Neues gelernt hatten und gemerkt haben, dass Nächstenliebe verbindet. Gestern erst bekam ich ein berührendes Email von einem Afghanen, der mit seinen 5 Kindern in England lebt. Vor 15 Jahren habe ich ihnen hier geholfen, sie bekamen die österr. Staatsbürgerschaft. Aber dann gab es Vorfälle unserer Behörden, die schrecklich waren und Ablehnungen bei Arbeitsplätzen, die den unglaublich fleißigen Familienvater so enttäuschten, dass er nach England auswanderte. Mir ist er noch immer dankbar und treu aber ich schäme mich für das, was man ihm angetan hat!

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